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Aurora Australis
Jeden Tag sehen in Südafrika Millionen von Menschen fern. Sie verlassen
sich auf dieses Medium für ihre tägliche Dosis billiger Unterhaltung
(vor allem Soap Operas), ihren Lieblingssport und um einen Blick auf die
neusten Entwicklungen in der lokalen und internationalen Politik zu
werfen. Das Fernsehen ist mittlerweile zu so etwas geworden wie einem
`Werkzeug wahrer Demokratie, das Information und Bildung für alle
verbreitet'. Auch wenn es sicherlich Argumente gegen eine solche
Auffassung gibt, so ist doch richtig, dass ein großer Teil der Menschen
ihren Bedarf an Unterhaltung, Nachrichten und Bildung vom Bildschirm
bezieht [...]. Wie in vielen anderen Ländern der Erde ist private Fernsehunterhaltung
in Südafrika zu einem Riesengeschäft geworden und setzt sich sehr
deutlich von dem staatlich kontrollierten Sender ab. In diesem Geist
sind einige Pay-TV-Stationen entstanden, die ihr Material nur Abonennten
mit entsprechenden Decodern zur Verfügung stellen. Wie international
üblich werden diese Privatprogramme verschlüsselt übertragen, so dass
sie von Nicht-Abonennten nicht gesehen werden können. Bisweilen kann ich mir diese verschlüsselten Signale stundenlang
anschauen und die eigenartige Kombination von erkennbarem Bild und
bloßem Bildrauschen bewundern, wobei der hörbare Teil nicht zum
ausgesendeten Programm gehört, denn es laufen immer nur dieselben
langweiligen Songs aus den 1980ern. Kurzeitige Unterbrechungen des
Audiosignals erzeugen einen Sturm aus elektronischem Zischen und
Krachen; oder es gibt lange, stille Abschnitte, gefolgt von der Stimme
eines über alle Maßen aufgeregten Sprechers, der die anstehenden
Attraktionen ankündigt, die für mich und Millionen andere Südafrikaner
nichts als `Rauschen' bleiben, bis ich mir meinen Decoder leisten kann.
Trotzdem gibt es Augenblicke, in denen ich glaube, in der durch den
Fleischwolf gedrehten Ausstrahlung etwas aufblitzen zu sehen, das aus
einen Film kommt, den ich gesehen habe, oder aus einem Bericht über ein
mir bekanntes Ereignis, und dann verharre ich wie gebannt vor dem
Bildschirm, um mehr Hinweise zu erhaschen. Jedesmal sehe ich dann
hinterher Lichtblitze, wenn ich meine blutunterlaufenen Augen zumache. Das Fernsehen ist wie ein Herd, um den sich Familien wie Fremde im
bläulich flimmernden Schein versammeln; es sendet Strahlen mit
Informationen auf Lichtbasis zu zahllosen Augenpaaren - Informationen,
die erhellen oder verwirren, Verständnis und Toleranz fördern oder
Gewalt und Hass heraufbeschwören. Oder einfach Leute dazu bringen,
Sachen zu kaufen, die sie sowieso nie brauchen werden. Alle Dinge und
jede Form von Energie können als Übertragung von Informationen gesehen
werden, und hier dachte ich an die Sonne, die einen ständigen Solarwind
aus subatomaren Teilchen in das All bläst, der chemische und elektrische
Reaktionen hervorruft - bisweilen in riesigen Dimensionen. Der Solarwind weht über und um den Planeten und trifft mit etwa 400
Kilometern pro Sekunde auf das magnetische Feld der Erde. Das Feld lenkt
ihn zu den magnetischen Polen hin ab, wo die elektrische Ladung der
Teilchen mit den chemischen Elementen in der oberen Atmosphäre reagiert.
Die dadurch hervorgerufene fotoelektrische Entladung erleuchtet den
Nachthimmel und erzeugt die berühmte Aurora Australis in Südpolnähe,
genauso wie die Nordlichter in Nordpolnähe. Fantastische, fließende Bänder aus farbigem Licht erleuchten den Himmel
über dem Südpolargebiet - zu weit südlich um sie vom südlichsten Zipfel
meines Lnades sehen zu können. Und doch, wegen ihres Standorts ist
dieses großartige Schauspiel für mich an ein Territorium gebunden. Wie
die farbigen Streifen in der verschlüsselten Sendung auf meinem
Fernseher scheinen sie eine verborgene Mitteilung zu enthalten, mit
irgendeinem entfernten Zauber behaftet, möglicherweise sogar eine
intelektuelle oder spirituelle Erleuchtung für diejenigen, die zusehen.
Wie die Göttin der Morgendämmerung Aurora (oder Eos im Griechischen)
kündet es von etwas, das dort draußen ist, etwas größeres, ein
Kryptogramm von Dingen, die kommen werden. In Aurora Australis erscheint die verschlüsselte Sendung von meinem
privaten Fernseher auf dem Bildschirm, die Bewegung bis auf das äußerste
verlangsamt, um die sich verschiebenden Streifen aus Farbe und Licht zu
zeigen sowie das eigenartige Aufblitzen von Leben und Fantasie, das sie
zum Teil verdecken, zum Teil enthüllen. Gesichter und Gesten, Gestalten,
die sich an verschiedenen Orten bewegen und Hinweise geben auf Sport,
Politik, Intrigen, Liebe, sich überstürzende Ereignisse. Diese Arbeit
verfolgt die verschlüssleten Versionen von einigen ausgewählten
Programmen und Filmen, die in gewisser Weise mit den Vorstellungen in
Verbindung stehen, über die ich weiter oben geschrieben habe. Angesichts des geografischen Ortes, an dem mir diese televisuellen
Bildfetzen begegnen - auch wenn sie aus einer völlig anderen Quelle
kommen - und der mythologischen Bezüge zum Aurora-Phänomen (Aurora -
Dämmerung - der Osten, wo die Sonne aufgeht) habe ich angefangen,
Filmtitel zu suchen, die im Titel oder durch den Inhalt eine Verbindung
zum Süden (Afrika und Australien) und Osten (Ostdeutschland, Pakistan,
China) haben. Ich werde mich physisch in diese Bilder einbringen, indem ich als Double
von manchen der Schauspieler auftrete, manche ihrer Handlung nachmache
oder für sie vervollständige. Ich greife bestimmte Themen auf und begebe
mich in eine körperliche Auseinandersetzung mit dem offensichtlichen
Chaos, indem ich mit den Farbstreifen ringe, um Platz zu machen, damit
eine neue Handlung gezeigt werden kann. Ich werde zu einer Art Augur,
der versucht, aus dem Sturm rätselhafter Informationen eine Geschichte
herauszulesen oder zu entschlüsseln. Was enthüllt wird, hat wahrscheinlich nichts mit der bereits
vorhandenen, verschlüsselten Information zu tun, aber genau darum geht
es. Worum ich mich unter anderem bemühe, ist innerhalb des endlosen
Informationsstroms, den die Welt aussendet, die endlosen Möglichkeiten
für Poesie in der Weltwahrnehmung eines jeden sichtbar zu machen. Das,
was uns die Welt präsentiert, ist nie unmittelbar und unverschlüsselt.
Das Bemühen, in unseren Geschichten, Erfahrungen und sogar unseren
Wahrheiten einen Sinn zu finden, bedeutet eine große Freiheit, aber im
Grunde bleibt es ein höchst riskanter Kampf von großer Wichtigkeit und
Bedeutung. Ich wäre gerne in der Lage, die Zeichen der Welt auf die
gleiche Weise lesen zu können, wie Menschen im Altertum sich alltägliche
Begebenheiten der Natur als auch eher ungewöhnliche Geschehnissen
erklärten. Minnette Vári
Johannesburg, September 2001
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