Meditative Momente
Wer heute als bildender Künstler mit Film, Video und DVD arbeitet, bewegt sich an Bruchstellen
zwischen einer beträchtlichen Mediengeschichte der letzten vier Dezenien und der Verheißung neuester
Technologie. Die Gründungsväter und -mütter scheinen dabei bereits alle Terrains besetzt,
alle Fundamente gelegt zu haben; die nachfolgende und nun tonangebende Generation entwickelt
ihre Themen in atemberaubender Aufwendigkeit, und die inflationäre Dominanz flimmender Sequenzen
im aktuellen Ausstellungsbetrieb bietet jungen Produzenten zwar ein vielgestaltiges Forum, zugleich
aber das Unbehagen der Masse. Parallel dazu expandieren die Möglichkeiten digitaler Bildererzeugung
weiterhin enorm und konstituieren eine akute Spannung zwischen dem technisch Machbaren,
dem kommerziell Vertretbaren und dem künstlerisch noch Artikulierbaren. Schlechte Zeiten also für
bewegte Bilder jenseits der Lifestyle-Maschinerie? Wie immer liegt ein Trost in der Intensität der
jeweils gelebten Haltung, mit der eine Künstlerin, ein Künstler die skizzierten Herausforderungen
annimmt und produktiv transformiert. Dabei fällt auf, dass diametrale Gegenbewegungen immer
wieder jeden mainstream verzweigen und ihrerseits zur schlie lich vorherrschenden Strömung werden.
Im Moment scheint dies ein Bedürfnis nach Verlangsamung zu sein, nach Vertiefung und Konzentration;
inmitten der nicht aufhaltbaren Beschleunigung aller Existenzbereiche stellt sich der Widerstand
des Begreifenwollens quer und kündigt flächendeckende Übereinkünfte der Clipästhetik,
des Infotainments, der konsumptiven Affirmation. Verweilen, Versenken, Innehalten: lebensuntüchtige
Tugenden allesamt, für ein mehrschichtiges Wirklichkeitsverständnis aber unabdingbar und wohl seit
jeher bevorzugtes Handlungsfeld künstlerischer Recherche.
Gastkuratorin Alexandra Kolossa hat für
das Ludwig Forum Aachen unter dem Titel "Slow Motion" eine Auswahl von zehn Positionen
zeitgenössischer Videokunst eingerichtet, die diese Prozesse ernstnehmen und in großformatigen
Projektionen zu Momenten der Meditation verdichten. Für ihren kenntnisreichen und umsichtigen
Einsatz sei ihr an dieser Stelle ebenso gedankt wie den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern,
den kooperierenden Galerien, Leihgebern und Sammlern. Ohne dieses dichte und zugleich fragile
Netzwerk, das auch die Herausforderungen der technischen Umsetzung, der grafischen Präsentation und
der CD-Rom-Produktion umfaßt, bliebe jedes Ausstellungsvorhaben unrealisierbar; gleichwohl
tritt es bestenfalls für das Publikum hinter der fordernden Präsenz der Ergebnisse zurück.
Bleibt noch zu erwähnen, daß die Arbeiten von Grazia Toderi und von Kjell Bjørgeengen
Neuerwerbungen der Sammlung des Ludwig Forums darstellen und durchaus Neugierde wecken sollten
auf die umfassende Neupräsentation der Bestände ab Mai 2003.
Harald Kunde - Direktor
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